
Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, hat der US-Suchmaschinenriese Google der chinesischen Internetzensur den Kampf angesagt und mit einem Rückzug aus China gedroht, wie ihr zum Beispiel auch bei benbloggt nachlesen könnt.
blogage.de-Benutzer sebba studiert derzeit in Peking und führt von dort aus auch ein privates Blog auf blogage.de. Mit uns sprach er über das Bloggen aus China und dessen Zensur dort - und verriet uns, was chinesische Zensoren im Suff ausplaudern.
Du bist für zwei Jahre in Peking zwecks eines Master-Studiengangs und bloggst darüber - allerdings nicht öffentlich. Wie macht sie die Internet-Zensur für dich konkret bemerkbar?
Die Internet-Zensur macht sich für mich jeden Tag bemerkbar. Gerade zu Anfang, als ich mich noch auf China einstellte, musste ich auf viel verzichten. Seiten wie Youtube oder Facebook sind hier nicht verfügbar. Deutsche Seiten sind von der Zensur zwar nahezu nie betroffen, aber das ist häufig nur ein schwacher Trost.
Konkret sind viele Seiten einfach nicht verfügbar. Suchmaschinenanfragen werden häufig nicht bearbeitet. Es erscheint dann lediglich eine Meldung, dass ein Verbindungsproblem aufgetreten ist. Inzwischen bin ich von der Zensur aber deutlich weniger betroffen, da ich einen Proxy gefunden habe, mit dem ich auch auf sonst gesperrte Seiten zugreifen kann.
Behindert dich die Zensur beim studieren? Kann die Zensur gegenüber Professoren thematisiert werden?
Die Internetzensur behindert mich immer dann, wenn ich gerade keine Möglichkeit habe sie zu umgehen. Also wenn der alte Proxy gesperrt wurde, aber noch kein neuer gefunden wurde. Dann ist es nahezu unmöglich zu recherchieren. Zwischen den anderen Ausländern werden aber über USB-Sticks auch öfter verbotene Schriften wie Bücher oder Artikel ausgetauscht. Seltener über E-Mail, da von Fällen berichtet wurde, wo die E-Mail-Konten einzelner Studenten überwacht wurden.
Aber von der Zensur ist ja nicht nur das Internet, sondern auch das gesamte akademische Leben geprägt. Mit einzelnen Professoren kann man darüber reden. Umgekehrt können einem die Professoren aber beim Verbreiten unliebsamer Themen auch zur Gefahr werden. Zwei Beispiele dafür:
Am Beginn meines ersten Semesters erzählte einer meiner Professoren freimütig darüber, das er Probleme hatte bestimmte Bücher für unseren Kurs ins Land zu bringen. Selbiger Professor versteht es auch, wenn wir uns über die Zensur bei ihm beschweren. Außerhalb des Klassenraumes spricht er auch offener über die Enge akademischen Arbeitens in China, die er zusammenfasst mit: „Chinesische Professoren dürfen alles denken, aber nicht alles sagen.“
Ein anderer Professor hingegen schickte einem meiner Kommilitonen letztes Jahr die Polizei nach Hause. Mein Kommilitone hatte in einer seiner Hausarbeiten verbotene Bücher zitiert, die dann auch konfiziert wurden. Über die Bücher erhielt er dann eine Quittung und kann sie angeblich bei seiner Ausreise wieder abholen.
Welche Bedeutung spielt das Internet im Alltag der Chinesen? Sind das Internet und die Zensur Themen in China - und wenn ja, wie unterhält man sich darüber?
Das Internet spielt eine wachsende Rolle im Alltag der Chinesen. Viele jüngere Chinesen sind internetsüchtig und verbringen mitunter ganze Tage in Internetcafes, was allerdings auch eine ökonomische Sache ist. Die meisten modernen Aktivitäten wie Kino sind verhältnismäßig teuer, so dass man die Zeit lieber online verbringt.
Chats, Instant Messenger oder chinesische Videoportale sind überaus beliebt. Nahezu alle Chinesen von 16 bis 30, die Zugang zu einem Computer haben, nutzen diese Internetangebote – völlig unabhängig davon ob sie auf der Arbeit sind oder nicht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Arbeitskollegen, die sich im Zimmer gegenübersitzen, mittels eines IM unterhalten.
Darüber hinaus gibt es aber auch eine wachsende Zahl von ‚Netizens’, die für sich eine Kontrollposition gegenüber der Regierung, aber auch einigen Mitbürgern, in Anspruch nehmen. Berühmt sind hier z.B. der Fall eines Politikers, der auf einem Photo mit einer teuren Uhr und Zigarettenmarke gesehen wurde. Daraufhin wurde von den Netizens breiter Protest losgetreten und eine Korruptionsuntersuchung eingeleitet. Ein weiter Fall war der einer Chinesin, die mit hochhackigen Schuhen auf eine Katze trat. Das ganze wurde von einem Passanten gefilmt und ins Netz gestellt. Danach begann, was übersetzt eine „Fleischjagd“ bedeutet. Die Frau wurde von Internetnutzern aufgespürt und terrorisiert.
Über die Zensur zu sprechen ist schwierig, da jegliche Kritik an China nicht gut aufgenommen wird. Der Nationalismus ist sehr stark ausgeprägt und negative Äußerungen jeder Form werden von den meisten Chinesen als persönlicher Angriff verstanden. Viele Studenten, die schon einmal im Ausland waren, kennen zumindest Facebook. Indirekt wird über die Zensur allerdings schon gesprochen, wenn man erzählt, was man letztens auf Youtube gesehen hat oder wenn über Nachrichten auf Facebook spricht. Dann wird man entweder gefragt, warum man denn darauf zugreifen könne. Oder man wird darauf hingewiesen, dass diese Seiten hier illegal sind.
Ich habe allerdings mit einem der Mitarbeiter der ‚Internetzensurbehörde’ vor einigen Wochen einen alkoholintensiven Abend verbracht, in der er selber natürlich zugab, einen Facebook-Account zu besitzen und ständig auf Youtube zu sein. Wir sprachen lange und angeregt über Proxys und dergleichen - und zwei Tage später war der Proxy, den ich damals verwendete, gesperrt.
Was tust du, um die Zensur zu umgehen?
Gegen die Internetzensur hilft ein Proxy. Ein guter Proxy ist unter Ausländern hier sehr gefragt. Allerdings ist es ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel mit der Regierung, die natürlich immer wieder Proxys sperrt. Zu Anfang war beispielsweise ein Proxy der Falun-Gong-Gruppe sehr beliebt, der aber recht schnell wieder verschwandt.
Außerdem werden Bücher und Artikel eingeschmuggelt und dann für alle Bekannten kopiert oder eben in digitaler Version verteilt.
Kannst du einschätzen, wie viele Chinesen, die einen Internetzugang besitzen, sich um ein zensurfreies Netz bemühen? Wie viele gehen zu Hause online, wie viele müssen dazu ins Internetcafe?
Da über die Zensur öffentlich nicht übermäßig viel gesprochen wird, kann ich nicht gut einschätzen, wie viele sich um ein zensurfreies Netz bemühen. Sieht man von tatsächlichen Aktivisten ab, kann ich mir aber nicht vorstellen, dass dies für die meisten Chinesen ein großes Thema ist.
Viele Chinesen besitzen keinen eigenen Computer und gehen daher auf der Arbeit oder eben in einem Internetcafe online. Diese sind verhältnismäßig preiswert und auch dafür ausgestattet, dass man dort den ganzen Tag verbringen kann. Chinesen mit einem Computer zu Hause sind verhältnismäßig reich und besser gebildet, waren häufig schon mal im Ausland und wissen daher gut um die Verhältnisse in Sachen Zensur Bescheid. Aber selbst unter diesen stellt ein zensurfreies Internet notwendigerweise ein erstrebenswertes Gut dar.
Wie staatstreu sind deine Professoren und die Lehrinhalte an deiner Universität?
Die Universität an der ich studiere hat traditionell sehr starke Verbindungen zur Partei. Grundsätzlich hat zwar jede Universität neben dem Rektor noch einen Parteifunktionär, der die Universität kontrolliert. An meiner Universität wird aber noch besonders stark auf Linientreue geachtet.
Mein Studiengang ist da nicht repräsentativ, da wir verhältnismäßig viele Freiräume besitzen. Aber Kommilitonen in traditionellen Studiengängen klagen über schlechte Noten, wenn man kritische Fragen während der Vorlesung stellt. So wird in Internationalen Beziehungen beispielsweise immer noch von den „japanischen Teufeln“ gesprochen.
Sind Blogs in China wichtig für die Meinungsbildung? Wie verbreitet ist das Bloggen unter jungen Pekingern aus dem universitären Umfeld?
Blogs werden immer wichtiger für die Meinungsbildung, gerade unter jungen Chinesen. Es gibt erfolgreiche Blogs die sich mit dem gesellschaftlichen Wandel oder Sexualität beschäftigen, aber genauso Blogs die sich sehr für die Partei stark machen. Es ist nicht immer ganz einfach dazwischen tatsächliche Meinungen der Bevölkerung heraus zu filtern, da die Partei Blogger bezahlt, um linienfreundliche Artikel zu verfassen und in anderen Blogs Kritik an zu viel Parteikritik zu äußern.
Persönlich kenne ich niemanden vom Festland, der einen Blog führt. Eine junge Taiwanesin die hier studiert bloggt, aber hauptsächlich über Harry Potter und South Park.